Donnerstag, 13. Dezember 2012

07. Dezember, Tolbatschik Vulkan,...schwarzer Schnee!



















...schwarzer Schnee!

Als wir am Donnerstag von unser spannenden Skitour vom Kardon zurück kamen, dachte ich jetzt müsse ich mich erstmal von den ganzen Eindrücken der letzten Tage erholen und ich spürte das es wieder Zeit braucht um sich alles setzten zu lassen, da erzählte Rebecca uns das der plosky Tolbatschick ausgebrochen wäre. Genau der 3000m hohe Kratergipfel den wir im Sommer bestiegen hatten, niemand hatte hier mit einem Ausbruch gerechnet und es gab kaum Anzeichen dafür. Lediglich für den Kljutschevskoi, einer der großen Gipfel neben dem Tolbatschik, war im Sommer eine leicht erhöhte Aktivität festzustellen gewesen, was aber noch nicht hießt das es in der nächsten Zeit zu einem Ausbruch kommen würde, so sagte man uns damals. Aber mit dem Ausbruch des Tobatschik hatte nun wirklich niemand hier gerechnet. Am 29. November brach also der Eisriese zum erste mal seit 36 Jahren wieder aus, in einer gewaltigen Explosion, die eine Staubwolke weit in die Atmosphäre schoss und noch 300 Km weiter Richtung Osten regnete es am Atlantik Gesteinsbrocken. Glücklicherweise über dem Atlantik, auf unbewohntem Gebiet, und die Ortschaft Kosarjevsk am Fuße des Tolbatschik wurde, da sie westlich des Vulkans liegt, nur mit einer dicken schwarzen Ascheschicht überzogen. Es war schon ein komisches Bild denn jetzt lag in Kosarjevsk überall schwarzer Schnee, die Dächer der Häuser waren schwarz, die Bäume waren schwarz, die Straßen und die Holzstapel vor den Türen der Häuser waren mit schwarzem Schnee bedeckt und wir sahen sogar einen schwarzen Hund! ;-) Es war ein wenig unglaubwürdig und surreal das ganze Szenario was man uns am Donnerstag Abend schilderte , die ganze vor 1 Jahr neugebaute Leningradskaja Hütte und der tote Wald, die ganze wunderschöne Landschaft die ich im Sommer so bewundert hatte und die mich in ihren Bann gezogen hatte war nicht mehr da, einfach weg, hatte aufgehört zu existieren, war verbrannt und begraben unter Millionen Tonnen von glühender Lava. Alles vernichtend wälzte sich der erste Lavastrom am 29. November Talabwärts und ab 5. Dezember ein Zweiter. Niemand konnte genau sagen wie lange der Ausbruch dauern sollte, aber den ganzen Tag über kam es zu erneuten Eruptionen, hatte der Tolbatschick wieder eine sehr aktive Phase. Nun was denk ihr was wohl jetzt kommen musste? Ich für meinen Teil war total verblüfft ob der ganzen Geschehnisse und jetzt setzte man ein drauf!
Am Abend kam Russlan, ein Inspektor des Naturparks, zu uns in die Basa und fragte ob wir nicht morgen mit ihnen und einer Delegation aus dem Nalitschevo Park mit zum Tolbatschick fahren wollten, für 3 von uns wäre Platz. Wir waren allerdings zu Viert, aber es gab nur Drei Plätze in Russalns Auto. Micha trat edelerweise zurück und ließ uns den Vortritt, denn er hatte wohl wichtiges mit Xjuscha zu tun! ;-) Morgen früh um Fünf Uhr in der Frühe sollte es dann also losgehen, böse Zeit, ganz böse Zeit, aber wer diskutiert schon lange wenn er solch ein Angebot bekommt und in die Nähe eines frisch ausgebrochen Vuklkans fahren kann.
Und ja es war früh, quasi mitten in der Nacht, als mein Wecker klingelte, es war mir so als ob ich mich erst vor einer Stunde hingelegt hätte, aber ich war schneller aus dem Bett als ich gedacht hätte. Unten war schon reger Betrieb es wurden Stullen geschmiert, Tee gekocht, dann gings auf die Autos und mit Vollgas auf die kamtschattische Winterpiste! Das liebe Leute, war tatsächlich schon ein Abenteuer für sich wie der Kleinbus mit Allradantrieb ab und an auf der vereisten Piste hin und her schlingerte. Aber Russlan ist ein routinierter Fahrer und somit hatte er auch bald seinen Fahrstil den eisigen Pistenverhältnissen angepasst und wir rollten die nächsten drei Stunden bis nach Kosarjevsk recht sicher dahin. Dort wurden noch zwei Ortskundigen Inspektoren von Kljutschevskoi Naturpark eingesammelt und dann ging es auf der selben Piste die wir im Sommer mit dem guten geländegängigen LKW in turbulenter Fahrt bewältigt hatten. Genau diese Strecke würde wohl das nächste große Abenteuer werden, dieses Mal war zwar Winter doch mit unserem kleinen allradbetriebenen Mitsubishi Delicia standen uns trotzdem ein paar Flussüberquerungen bevor des sich gewaschen hatten und eine Strecke die wahrscheinlich auch im Winter im Tiefschnee jenseits von gut und böse war. Aber gut es war ja nicht das erste mal das wir hier auf Kamtschatka Wege fuhren die in Deutschland sicherlich niemand ohne einen vollwertigen Geländewagen wenn überhaupt befahren würde. Auf dem Weg durch die Walachei waren tatsächlich schon eine ordentliche Fahrspur ausgefahren, das hieß es gab schon ein paar Menschen auf Jeeps die sich auf den Weg zum feuerspeienden Tolbatschik gemacht hatten und wahrscheinlich lebendig wiedergekehrt waren. Nun erfuhren wir auch unser genaues Fahrziel, nämlich sollte es soweit gehen wie wir eben kamen und das war wie man uns sagte direkt bis an die Lavazunge heran. Keiner wusste von uns so genau was das nun heißen würde und wie weit wir wegen den Waldbränden überhaupt herankommen würden. Nun ging es wieder durch den Busch der dieses Mal nicht grün war sondern weiß, grau, schwarz war wegen der Ascheschicht die auf allem lag. Als wir am großen Fluss angelangten war ich sehr gespannt wie wir die 4-5 kleinen Ströme mit dem guten Bus durchwaten würden oder ob wir wegen den vereisten Abbruchkanten steckenbleiben würden da wir nicht wie die anderen Geländewagen über solch eine große Bodenfreiheit verfügten. Russlan überzeugte aber auch hier das fahrerisches Können und Erfahrung im Gelände viel, viel Bodenfreiheit weg machen konnten. Langsam aber stetig wühlte sich der kleine Mitsubishi erst durch den großen und anschließend durch die kleinen Flüsse, durch Kuhlen und über Hügelpisten auf denen das Fahrzeug beträchtliche Schräglagen erreichte die durch Seitenwechsel seitens der Passagiere ausgeglichen werden mussten um den Wagen am Wegrutschen oder Umfallen zu Hindern. Eine sehr spannende quasi interaktive Autofahrt im Gelände an der Grenze des Machbaren. Und nach 3 Stunden rumgerödel im Schneckentempo erschien eine riesige Schwarze Wand und zwei riesige Rauchsäulen auf der rechten Seite hinter den Bäumen und wenig später sahen wir das hier definitiv das ende der der Piste war, wo der Weg früher einmal weitergegangen war hatte jemand einfach eine 15m hohe Wand aus dampfender und zischender Schlacke abgekippt die sich mehre Kilometer in der Länge und Breite hin ziehen musste. Es war ein gigantisches und monströses Bild das mir und uns allen ordentlichen Respekt einflößte und wir uns dem dampfenden, zischenden, Steine spuckenden, Bäume umwerfenden Ungetüm nur zögerlich nährten . Hier konnte man direkt in die glutrote, dampfende, nach Schwefel stinkende Vergangenheit unsres Planeten sehen. Immer wieder gingen Schuttlavienen ab, wurden Bäume langsam umgewalzt und Erdmasse aufgetürmt und es stiegen Schwefelwolken und heißer Dampf wie aus einem Druckkessel auf. Es lebte und bewegte sich langsam vorwärts, was wir hier sahen war der äußerste Rand einer der zwei großen Lavaströme die sich unaufhörlich vom Tolbatschickrater hinab ins Tal wälzten. Die Oberfläche war hier an den Rändern schon etwas abgekühlt doch brodelte es unter der äußeren Schicht noch kräftig, was man an einigen Stellen gut sehen und fühlen konnte aus denen immer wieder zähflüssige glutrote Magma quoll und einem die Hitze entgegen schlug. Vorsicht war geboten und ständige Wachsamkeit da die Lavazunge noch in Bewegung war, sich noch weiter ausdehnte und dabei eben immer wieder Bäume umwarf, Stein und Schlackelavienen abgingen und Dampffontänen abgingen. Der Krater selbst war in eine dunkle Wolke gehüllt so das wir immer nur das Beben, Rumpeln und Zischen in der ferne vernehmen konnte was nicht unbedingt mehr vertrauen in die Stabilität der Lage schaffte. Die ganze Szenerie war mehr als gespenstisch und alle wirkten immer irgendwie auf dem Sprung, leicht nervös und freudig erregt, immer bereit sofort in die Fahrzeuge zu springen und abzuhauen. Doch mit der Zeit gewöhnte man sich an die Geräuschkulisse und den gigantischen Anblick der urzeitlichen Kraft. Es wurde gegessen, Tee getrunken und Photographiert und nach einnem kleine Fußmarsch bot sich sogar die Möglichkeit ein Stück auf die Lavazunge heraufzuklettern um eine Blick über den Der Aufstieg war wie auf glühenden Kohlen und nicht ganz ungefährlich, aber er lohnte sich und was sich darbot war wirklich atemberaubend wie auch ganzen übelriechenden Gase die überall empor quollen. Ich denke ick kann mir jegliche Beschreibung sparen denn wie das ganze aussah und sich anfühlte kann ich wirklich nicht im Original wiedergeben, das es für euch einen Sinn machen würde. Aber eins kann ich sagen, es mit Abstand das beeindruckendste was ich jemals in meinem Leben sehen durfte und ich bin zutiefst dankbar das mir dieser Einblick gewährt wurde. Ich weiß nicht ob ich so etwas in meinem Leben jemals noch einmal sehen werde! Danke!
Nach insgesamt 12 stunden fahrt und völlig überwältigt von den vielen Eindrücken kamen wir Abends um 8 Uhr total erledigt von der langen Fahrt, aber irgendwie glücklich wieder an.


Ende der Durchsage...

Montag, 10. Dezember 2012

05. Dezember - 06. Dezember, Bystarajatal - Esso, ...ungebetener Besuch!









...ungebetener Besuch!

Als wir heute aus unsere Schneehöhle krochen war es recht frisch, doch belohnte die Welt den dem Schlafsack entwachsenem mit einem schönen Tage. Wir machte uns heute mit unseren Ochotnikis erst rechts des Tales an der Bystraja entlang, um schon einmal die Beschaffenheit des Weges auszuspähen der uns morgen zurück nach Esso bringen sollte. Weit hinein führte uns unser kleiner Ausflug in die Weite des Bystrajatales, entlang des Flusses und durch kleine Uferwäldchen und Gestrüpp. Jetzt war wieder die richtige Zeit sich von den Fährten der Tiere führen zu lassen um mehr über ihr Leben hier draußen zu erfahren. Kleine Geschichten erzählte uns jede Fährte, jede Fraßspur verriet uns etwas über Den der hier mal da nach essbaren suchte. So vergingen Stunde um Stunde ohne das wir es bemerkten und dann war es an der Zeit zum Kardon zurückzukehren um das Funkgerät in Gang zu setzten denn wir hatte seit gestern Order uns drei mal am Tag zu bestimmten Uhrzeiten zu melden. Nachdem wir nun etwas dem Kauderwelsch des Funkverkehrs zugehört hatten und unsere Meldung abgegeben hatten machten wir uns wieder auf in die weiße Weite es Tals. Diesmal wollten wir zur anderen Seite entlang der Bystraja fahren um zu sehen wer sich hier so herumtrieb und was seine Spuren so alles über Ihn erzählen konnten. Die Sonne kam schließlich heraus und ließ den Schnee vor unseren Skiern leuchten und zauberte das schönste Glitzern auf die gefrorenen Eisgebilde die sich im Fluss neben uns gebildet hatten. Unser schritt war leicht und somit glitten wir durch die verschneite Weite des Bystrajatales dahin. Ab und zu scheuchten wir im letzten Moment Schneehühner auf und konnten viele interessante Dinge über sie in ihren Fährten erfahren, fanden Fraß und Ruheplätze, Schlafkuhlen und Kuhlen mit Losung. Ich war zufrieden und glücklich, fühlte mich geerdet und nah bei Dingen um mich herum. Alles was mein Auge erblickte war schön und interessant und ich konnte mich nicht satt sehen an den den immer neuen Farben die das schwächer werdenden Sonnenlicht auf die Schnee und Eisflächen um mich herum warf. Unglaublich schön, weit und groß!
Die Untergehende Sonne machte uns darauf Aufmerksam das wir uns auf den Rückweg machen sollten, denn es wurde wieder empfindlich kalt und wir wollten heute Abend noch mal ordentlich die Banja einheizen um uns in ihrer dampfenden Wärme zu entspannen. Wir wollten uns im Zwielicht der Kerzen der reinigenden Energie des Dampfes und der Kraft des Gesangs hingeben auf das wir morgen gereinigt und mit frischer Energie , mit Gepäck und auf Skiern unseren Weg entlang des Bystrajaflusses nach Esso finden würden. Außerdem galt es heute Nacht noch an Stelle des hl. Nicolaus, die kleinen Bewohner des Dimschikanski Kardons mit Brotresten, Käseresten, Nüssen , Haferflocken und Mohrrüben zu beschenken. Ich hatte in den letzten Tagen wohl immer wieder die Fährten der kleinen Tiere im Schnee bemerkt und einige bis zu ihren Eingängen hin verfolgt, somit gab es genügend Plätze an denen wir im Schutze der Dunkelheit unsere Geschenke niederlegen konnten.
Während wir Holz hackten, die Banja anfeuerten und Eimer weise Wasser aus dem Fluss herbeischafften war es bereits Abend geworden. Und als wir uns gegen 21 Uhr in der Inspektorenhütte bereit machten in die Banja hinüber zu gehen kam ein Schneemobil samt Narte bis vor unsere Tür gefahren. Wir vermuteten da es vielleicht Andrej mit Ninja und Rebecca sei die vielleicht mit uns in die Banja wollten doch als die Tür auf ging blickte wir in fremde korjakische Gesichter. Diese waren gekommen weil sie einen weißen Sack mit Gummistiefeln suchten, den ein Freund von ihnen hier angeblich vor zwei Wochen untergestellt hatte und den sie nun nach Esso schaffen wollten. Gut, wir boten höflicher Weise Chai an und nach einer halben Stunde waren die Herrschaften endlich bereit mit Micha in eines der anderen Gebäude zu gehen wo der vermeidliche weiße Sack nun stehen sollte. Doch nach ausgiebigem Suchen fand sich kein Sack weißer Sack mit Gummistiefeln und ich machte mich schon mal in die Banja um Holz nachzulegen und Wasser nachzugießen damit wir nachher warmes Wasser zum Waschen hätten. Nach einer halben Stunde wurde ich langsam ungeduldig, nach einer Weiteren langsam aber sicher Ungehalten! Konnten den denn verdammt noch mal diese Leute nicht bei a) Tageslicht solch eine Suchaktion starten. b) nicht einfach mal vorher anrufen, und nicht einfach Abends um neun in unserer Tür stehen? Und verdammt, Micha sollte ihnen jetzt endlich sagen sie sollten sich zum Teufel scheren und gefälligst morgen bei Tageslicht wiederkommen! Der Plan war heute einen schönen, ruhigen und besinnlichen Abend in der Banja zu verbringen und nicht in einer Nacht und Nebelaktion irgend einen vermeidlichen Sack mit Gummistiefeln zu suchen. Und da viel es mir wieder ein, ich war in Russland, hier ist Pläne machen wirklich völlig sinnlos, da es eh immer anders kommt als man es sich vorgestellt hat! Wie konnte ich das nur vergessen, danke für die eindrückliche Erinnerung. Dachte ich bei mir, und ein paar Minuten später stand Micha mit wutverzerrtem Gesicht bei mir in der Banja und beschwerte sich lauthals über die Dreistigkeit mancher Menschen und deren Taktlosigkeit. Zehn Minuten später saßen wir im warmen Halbdunkel und ließen uns vom heißen Dampf des Wassers einhüllen. Er lies uns das meiste des Ärgers aus schwitzen und uns recht ruhig in die Hütte zurückkehren wo wir sogleich in einen tiefen Schlummer fielen aus dem wir erst durch Michas Handywecker am nächsten Morgen erwachten. Wir packten unsere sieben Sachen räumten noch alles auf und machten uns mit den Ochotnikis und mit unseren Rucksäcken auf den abenteuerlichen Weg entlang der Bystraja in Richtung Esso. Unser weg sollte irgendwann vor Esso wieder auf die Schneemobilstraße zum Dimschikanski Kardon treffen, doch keiner wusste wie der Weg bis dahin im Winter aussehen würde.
Es war sehr schön und spannend, einige Passagen waren recht schwierig zu überqueren, doch im großen und ganzen kamen wir ohne große Probleme recht gut voran und landeten nach ca. 4-5 Stunden bei den ersten Häusern von Esso um wenig später in der Basa einzutreffen wo nach kurzer Entspannungsphase schon wieder der nächste Wahnsinn auf uns wartete... ;-)


03. Dezember - 04. Dezember, Dimschikanski Kardon, ...dunkle Tage & helle Nächte!








...dunkle Tage & helle Nächte!

Ab Sonntag Abend waren wir wieder zu zweit, die Herren des Kardons waren wieder allein auf ihrem Bollwerk gegen die Wildnis. Der letzte Vorposten der Zivilisation wollte wohl behütet sein in diesen stürmischen Tagen der nahenden Wintersonnenwende. Unser Tage wurden nun immer kürzer teilweise wurde es auch gar nicht mehr richtig Hell wenn Schneewolken die Sonnenball verhüllten, die Dunkelheit kamen nun schon früh und wichen dem Licht meist erst um 9uhr am Vormittag.
Am Montag lasen wir am Vormittag lange und gingen erst gegen Mittag in den Schnee hinaus, Micha beschäftigte sich mit Holz hacken und ich fing an nachdem ich die Wege wieder von Schnee befreit hatte, mir einen Weg in ein großes Schneefeld zu schaufeln um dort Schneeschollen ab zustechen, um diese und den restlichen Schnee zu einem mannshohen Haufen aufzutürmen. Mit dem Einbruch der Dämmerung hatte ich mein Tagesprojekt fertigstellen können und nach dem Festklopfen des großen Schneehaufens schlurfte ich mit langen Armen und schmerzen in allen Gliedmaßen in die Inspektorenhütte wo ich und Micha heute Quartier bezogen hatten um mich blindlings auf das Bett fallen zu lassen wo ich auch die nächste Stunde nicht mehr aufstand. Heute Nacht war es sternenklar und mal wieder bitter kalt draußen, unser Thermometer zeigte an die – 25C° ich noch mal Holz hohlen ging für die Nacht. Nach dem Essen lasen wir noch ein wenig und dann war jeder mit seinen Gedanken für sich allein. Großmütterchen Mond kam hinter den Berggipfeln hervor, tauchte die nächtliche Berglandschaft in ein helles bläulich- weißes Licht und die weißen Gipfel der Bergketten bildeten einen atemberaubend schönen Kontrast zu dem pechschwarzen, klaren Nachthimmel an dem tausende und aber tausende Sterne funkelten. Ruhig blies ich die Kerze aus und legte ich mich zur Nachtruhe, ließ die letzten Stunden des Tages noch mal im Geiste revuepassieren dachte, dankte dem Sternenvolk das es heute Nacht den Frost auf die Erde sandte und der die kleinen Eiskristalle in meinen Schneehaufen fest aneinander frieren lassen würde damit ich morgen eine Schneehöhle in den Haufen graben konnte. Ein schönes Projekt, und ich war dankbar es hier dank des vielen Schnees und der niedrigen Temperaturen so einfach realisieren zu können. Selig segelte ich in die Traumwelt hinüber...bis ich auf dem Zenit der Nacht erwachte, es war fast Tag hell denn die Mondin schien mir mitten auf mein Gesicht. Ich hatte den Eindruck das ich noch schief aber es war alles ganz klar und deutlich, der Schnee funkelte verwunschen und die Sterne blinkten im schwarzen Glanz des Universums, und da war es wieder, der Grund weshalb ich eigentlich erwachte. Ein sanftes Schnurren drang an mein Ohr und ich spürte eine fast leichte Vibration auf meinem Bauch, in dünnen Schleiern stieg mir plötzlich ein mir wohl bekannter Geruch in die Nase als ich mich aufsetzte, um mich zu ordnen und aus dem Fenster zu sehen. Ich weiß nicht wie lange ich gedankenverloren dort saß und mich von Großmütterchen bescheinen ließ, als mir immer wieder ein Lied durch den Kopf ging, das in dem Inneren meiner Seele widerhallten schien. Irgendwie schwang alles in mir mit der Melodie, irgendein Teil von mir sag bereits...

Ancestors sky people all here today
Hear my heart song. Hear my respect.
Hear my love. Hear my grateful tears fall.
I am truly blessed. You are truly blessed. We are truly blessed.

Und als ich gewahr wurde wann ich dieses Lied zum letzten mal für jemand gesungen hatte, sah ich es endlich, draußen am klaren, tief schwarzem Nachthimmel zwischen den weißen Bergen hob sich eine Silhouette ab. Zwischen zwei vom Mondschein weiß leuchtenden Berggipfeln, bildete das Dunkel dazwischen einen Katzenkopf mit mir vertrauten Zügen der mich durch funkelnde Sternenaugen ansah. Schnurren erfüllte wieder die Luft, Zuneigung stieg in mir auf und machte sich in meinem Körper breit, dann fühlte ich Trauer aufsteigen. Alles kam und ging , hob und senkte sich wie die Wogen eines inneren Meeres, alles sang, schnurrte, Minute um Minute, Stunde um Stunde bis ich innerlich leer war, das Schwarz zu Grau, hell graublau zu rosarot wurde...Großvater Sonne hinter den Gipfeln rot empor kroch und einen neuen Tag brachte, ein neues Leben! She`s gone! Schlaftrunken ging ich zu Bett und viel in einen tiefen Schlaf.

Es war eine komische Nacht und ich stieg mit einem seltsamen holen Gefühl aus dem Bett, irgendwas war anders, die unwirklichen Bilder der Nacht schwirrten noch durch meinen Kopf, saßen in meinem Bauch. Ich versuchte jetzt alles zu verscheuchen, mit starkem schwarzem Tee und Hirsebrei versuchte ich die Gewissheit zu wegzuschieben das wohl meine geliebte Katze Morgana zu Hause in Berlin bei meinen Eltern gestorben war. Verdammt, ich wollte heute mein Projekt fertig stellen, eine Schneehöhle mit Micha in den großen Haufen dort draußen graben und einziehen! Keine Zeit für traurige Visonen in der Nacht, ich bin nur einmal auf Kamtschatka, ich will hier sein und im Jetzt, schallt es durch meinem Kopf. Aha, Plappermann quatscht mir wieder nen Ohr ab, dachte ich so bei mir als ich meinen Hirsebrei in mich hinein schaufle, als Micha mich aus meinen Gedanken riss und mich fragte wann wir heute raus in den Schnee gehen wollen.
Den Tag über buddelten wir uns in den Schneehaufen und schippten den Schnee wieder heraus...bis am Ende endlich eine schöne geräumige Schneehöhle entstanden war, die wir mit Rentierfellen aus der Jurte auslegten und uns ein gemütliches Nachtlager bauten. Am Nachmittag kam dann unser Parkdirektor mit zwei Polizisten aus Esso auf den Schneemobilen abgebraust und fragte und ob wir ihr einen Mann gesehen hätten, der hätte nämlich vorherige Woche mit zwei seiner Jägerkollegen hier genächtigt und dann im absoluten Vollrausch auf die neue erst vor zwei Wochen installierte Solaranlage die vor dem Inspektorenhäuschen stand geschossen. Dabei hätte dieser beinahe den guten Yuri Nicolaiwitsch getroffen der grade in der Küche am Kochen war als das Projektil durch die Solaranlage schlug und an der Kante der Hütte abprallte.
Wir machen große Augen, das gibt`s doch in keem Russenfilm, nicht mal in nem Dreiteiligen! Doch... wilde wilde east in Kamtschatka direkt auf dem Dimschikanski Kardon! Die nagelneue Solaranlage des Parks, zwei Wochen nach in Beitriebnahme, von nem besoffenen Russen zerballert! Irre! Ich bin beeindruckt, wirklich! Da hilft nur noch Kopfschüttln, und kopfschüttelnd machten wir uns wieder an die Arbeit.
Kurz vor Einbruch der Dämmerung als wir ein paar Felle in unsere Schneehöhle schleppten hörten wir lautes Gerassel und sahen schon von weitem eine schwarze Rauchsäule die immer näher zu kommen schien. Ha, das kann nur ein Vestichood sein der vom Savoij kommt, dem großen Rentierschlachten am Ischinsky Berg. Und tatsächlich zog ein Vestichood mit ca. 15 Leute auf dem Dach einen großen LKW hinter sich her durch das unwegsame Gelände und den Schnee! Ein eigenartiges und martialisches Bild, und es ist laut und stinkt! Unglaublich, so etwas konnte man auch wieder nur in Russland sehen, einen alten Panzer der sich völlig überladen mit einem großen Truck im Schlepptau durch die Wildnis Kamtschatkas pflügt! Heute war aber wieder was los hier am Kardon.
So, richten wir uns für die Nacht ein, aßen noch etwas im Haus, lasen etwas und krochen dann mit einem noch leicht mulmigen Gefühl in unsere geliebte Schneehöhle. Ob die wohl hält, was ist denn wenn die über uns zusammen bricht? Nach ein paar Minuten hatten wir uns akklimatisiert und Plappermann in unseren Köpfen war der Mund zugeklebt worden mit einem schönen breiten Streifen Panzertape! Jedenfalls war das in meiner Vorstellung so. :-)
Nachdem nun niemand mehr in meinem Kopf behauptete unser Bauwerk würde des Nachts über unseren Köpfen zusammenbrechen, schliefen wir selig bis nächsten Morgen. Das Thermometer in der Schneehöhle zeigte ca. 0C° bis -1C° an während es am Morgen draußen – 17C° hatte und durch unseren warmen Hauch der an den Wänden kondensierte war im Inneren unserer Schneehöhle noch eine schöne stabile Eisschicht gewachsen. Na das war doch was...

P.S. Wie wir später erfuhren transportierte das Vestichood was wir sahen exakt 30 Männer, denn ein Zweites war unterwegs liegengeblieben, somit mussten alle auf dieses eine Gefährt umsteigen, welches wir gesehen hatten. Der LKW blieb dann auf dem Steilstück des Hausberges am Dimschikanski zurück, da das Gefährt hoffnungslos überladen war und vor dem Berg zu kapitulieren drohte, Unglaublich!

Als ich am 06. Dezember wieder in Esso ankam und mein Handy wieder Empfang hatte, erreichte mich die traurige Nachricht von meiner Mutter das sich meine Katze Morgana am 03. Dezember in ein neues Leben aufgemacht hatte...

30.November - 02.Dezember, Dimschikanski Kardon, ...Nemezkij Banja!










...Nemezkij Banja!

Wir hatten uns grade Häuslich eingerichtet, die Zuwege z.B. zum Klo, zum Fluss/ Wasserstelle, zu den einzelnen Gebäuden und zu den Holzlagern vom Schnee befreit, da begann es bereits zu dämmern und mit der Dämmerung kam auch schon die Deutsch - Russische Vergnügungsgesellschaft auf Antons Schneemobil samt voll besetzter Narte angeritten, um mit uns gemeinsam ein gemütliches Wochenende in der Jurte zu verbringen und in die Banja zu gehen. Von den Herren der Schöpfung wurde ordentlich Holz gehackt und mächtig eingeheizt und ein paar Minuten später bullerte das alte Ölfass ganz ordentlich bis es mollig warm war in unserer urigen Jurte. Ich bin immer wieder überrascht von dem russischen Einfallsreichtum und dem Improvisationen wenn es darum geht einen Ofen aus den verschiedensten alten Dingen und Materialien zu zaubern. Diesmal war ich sogar außerordentlich positiv überrascht,von dem was unsere Parkmitarbeiter aus dem alten Ölfass zusammengeschweißt hatten. Mit Verlaub gesagt, wer braucht schon einen überteuerten Bullerjan Ofen wenn sich aus einem alten, rostigen Ölfass mit einem Schweißgerät so ein Ofen mit exzellenten Heizwerten zaubern lässt. Niemand, wenn man einen russischen Zauberer als Freund hat! Wir waren alle hoch auf begeistert ( Naja, eigentlich nur der männliche Teil der Nemezkij Fraktion!) ob diesem Wunderwerk der russischen Schweißkunst, nur eben unsere russischen Freunde nicht, denn die kommentierten unsere Lobeshymnen nur mit einem schnöden „Normalna“ was so viel wie wie „Gut“, oder „ist doch ganz normal“ bedeutet.
Es wurde deftiges gebrutzelt, geschmaust, getrunken und gelacht so wie es einer, ja was eigentlich...einer korjakisch-ewenischen Jurte russischer Bauart, eben gebührt und am Ende im letzten Kerzenschein mystische Geschichten und unheimlich Begebenheiten zu besten gegeben während, ganz klassisch der Sturmwind über die Jurte fegte.
Hier drinnen ward ich bei Freunden, fühlte mich sicher und geborgen, wie ein Fuchs in seinem Bau tief unter unter der Schützenden Erde, derweilen im Dunkel der Nacht Großvater Wind mit den Schneeleuten einen wilden Reigen aufführten, an der Türe rüttelten und um den Kamin tanzten. Zwei - drei Wimpernschläge und anderthalb Herzschläge später waren wir des Sitzens müde und krochen auf unser Lager aus Rentierfellen in unsere warmen Schlafsäcke. Bald war die kleine Raupenkolonie in ihren Kokons unter meiner gute Nacht Geschichte eingeschlafen und auch ich fiel bald begleitet durch das pfeifen des Sturms in tiefen Schlaf.
In der Nacht wurde ich wiederholt durch ein fiesen Quietschen der Ofentür und durch aufsteigende Hitzewallungen wach, denn dem guten Anton war kalt und somit legte er in Stundentakt immer wieder Holz nach was bei mir zu Hitzestau und aufsteigendem Unmut führte. Das Spektakel endete erst als die gute Rebecca mildtätig und uneigennützig wie sie war, den armen frierenden Mann unter ihren Schlafsack holte um ihn mit ihrem heißen Körper zu wärmen!;-) An dieser Stelle sei dir Rebecca noch mal von ganzem Herzen gedankt, das du deinen Mitvolontären doch noch eine ruhige Nacht ohne weitere Unterbrechungen beschert hast und mich ganz persönlich davor bewahrt hast noch mehr schlechtes Karma anzusammeln. Denn ich muss zu meiner Schande gestehen war in meinem dämmrigen Halbschlaf bereits dazu geneigt den Störenfried bei der nächsten Gelegenheit mit dem Schürhaken in einen Tiefschlaf zu versetzten.
Am nächsten Morgen strahlte uns die Sonne entgegen und der Himmel war in ein unglaubliches Blau getaucht das seines Gleichen suchte. Nach dem Frühstück wurde zur morgendlichen traditionellen Schneewaschung gebeten, zu welcher nur Drei von uns laut johlend unter den Impressionen von Ronja Räubertochter, in der Lovis die ganze verlauste Räuberbande in den Schnee zum waschen treibt, antraten. Mancher würde diese Erfahrung doch eher als kalt bezeichnen doch ob der guten Laune, der beeindruckenden Bergkulisse und des strahlenden Wetters, empfand ich unsere Morgenwäsche mit gefrorenem Wasser eher als erfrischend und belebend.
Unsere Tagesbeschäftigungen waren nunmehr wieder Massen an Holz zu spalten, die Wege von Schnee zu befreien und Trinkwasser vom kleinen Fluss zu holen. Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der Vorbereitungen für das für den Abend angesetzte Schwitzbad. Für diesen ganz besonderen Höhepunkt der Schwitzbäderkultur, auf den sich unsere russischen Freunde schon die ganze Woche freuten und in heller Aufregung waren wie ein paar Teenies, musste noch Holz in die Banja geschleppt und viel, viel Wasser herbeigeschafft werden und ein anständiges Feuer im Ofen geschürt werden. Nun fragt sich er Kenner der russischen Banjakultur bestimmt schon weshalb nun der russische Teil der Vergnügungsgesellschaft so in freudiger Erwartung war, ist doch ein Schwitzbad in der Banja doch vielerorts ein normaler Bestandteil der russischen Kultur?! Nun sein das Geheimnis der Aufregung gelüftet...an diesem denkwürdigen Tag würde es eine Nemezkij Banja geben, in der beide Geschlechter zusammen und auch noch nackt in einem Raume schwitzten würden! Was für die Anhänger der deutschen Saunakultur als recht normal zu betrachten ist, war für unsere russischen Freunde super speziell und sorgte schon weit vor diesem Tage für Aufregung. Also ein aufregender Tag mit einer speziellen Energie, so als ob man etwas ein wenig verbotenes tun würde. Und als das Licht die untergehende Sonne die schönsten Silhouetten über die verschneite Berglandschaft trieb, das Thermometer wieder gen – 21C° viel und aus dem nahen Bystrajafluss langsam die Nebel aufstiegen, bot sich hinter dem Kardon ein viel seltsamer Anblick. Plötzlich war in der Ferne immer lauter werdendes Hundegebell und laute Rufe zu hören als ob jemand eine Herde antreiben würde und beim genauen Blick in die Richtung des Gejohles konnte man in der Dämmerung einen Hundeschlitten erkennen der sich langsam vom Berg auf den Kardon zubewegte und schlussendlich vor unseren Toren zum Stehen kam. Zu unserer noch größeren Verblüffung sprangen da der Pfarrer von Esso, einer seiner sechs Kinder und unser Freund Dima vom Hundeschlitten und machten sich daran die Hundemeute auszuspannen, getrennt an einzeln Pfähle zu binden, ihnen Wasser zu geben. Tja, wer hätte das wieder erwartet, das uns heute noch solcher Besuch ins Haus stehen würde. Fix war Chai aufgesetzt und die Gäste in die im Kerzenschein erstrahlende warme Jurte gebeten, währen der Rest sich weiter um die Vorbereitungen zur „Nemezkij Banja“ bemühte. Gegen Acht Uhr war es dann soweit, die Banja und das Wasser heiß, die Hunde wieder angespannt und der Pfarrer samt Dima und Sohn wieder vom Hof geritten, und wir im Vorraum der Banja verschwunden um uns mal wieder richtig durch heizen zu lassen!
Es wurde ein lustiges, unverkrampftes, Schwitzbad und ein wunderschöner Abend mit Birkensudaufgüssen, Schneebädern zur Abkühlung, den traditionellen durchblutungsfördernden Schlägen mit der Birkenrute und natürlich einem leckeren Essen nach dem Schwitzen! Schön...
Ich schlief heute Nacht tief und fest, möglichst fern vom Ofen begleitet vom rhythmischen Nagen unsres neuen Untermieters am Holz, was will man mehr!

Samstag, 8. Dezember 2012

30.November - 06. Dezember,...So weit der Himmel reicht...








So weit der Himmel reicht...

Die Tage gingen ins Land, unser Hausstand wuchs, es wurden Schüsseln, Löffel und Becher aus Holz her ausgebrannt und unsere Schneehöhle hatte jetzt eine Weiche und isolierende Schlafunterlage aus Kedratschzweigen die wir etwas Schräg in den Boden steckten damit sich mehr Luftpolster bilden konnten. Sogar eine kleine Schlagfalle aus einem Stein und drei Stöcken und eine Fangschlinge hatte uns inzwischen einige fleischige Mahlzeiten eingebracht und uns mit dem so dringend im Winter benötigtem Fett versorgt. Micha brachte es ab und zu sogar zu einem ordentlichem Fisch den wir sogleich in dünne Scheiben schnitten und an der Luft trocknen ließen, somit hatten wir sogar etwas für zwischendurch zum Essen auf unseren immer größer werdenden Streifzügen rund um unseren Lagerplatz. So mag wohl einige Zeit ins Land gegangen sein bis die Wetterlage sich änderte und wieder größere Schneefälle einsetzten und es nur noch wenig Tageslicht gab, die Nächte immer länger. Es musste jetzt also kurz vor der Wintersonnenwende sein! Zeit weiter zu ziehen, Zeit zurück zu gehen in die Welt der Genossen und Genossinnen, der Kolchosen und des Fortschritts. Dort hin wohin man uns gesandt hatte, um von unseren Sowjetischen Brüdern zu lernen, zu lernen wie man einen anständigen sozialistischen Staat aufbaut indem es das Unrecht der Klassengesellschaft nicht mehr gibt, alle Menschen sich Brüder sind, das Volk und nicht mehr der einzelne die Macht und das Eigentum besitzt?
All das ward uns, sonst so eifrigen Studenten die wir die Basis unseres kleinen Arbeiter und Bauernstaates sein wollten, nun so völlig fern, ja es schien sogar nicht mehr wichtig zu sein. Wir fühlten so als ob wir das erste mal richtig wahrhaftig lebten, ganz einfach und ohne den so heiß geliebten und gelobten Fortschritt mit seinem hohen Tempo. Die Natur sorgte nun für uns, die Natur sorgte für ihre Söhne, nicht mehr unser Staat...
Wir dachten, diskutierten, debattierten...und gingen! Wir verabschiedeten uns voller Ehrfurcht von dem Platz der uns für kurze Zeit Heimat geworden, der für uns gesorgt hatte in schwerer Stunde, alles bereit hielt ohne zu verlangen, wartete ohne Ungeduld bis wir alles entdeckten. Als wir gingen, gingen wir gestärkt, und man würde nicht meinen das wir die letzten Tage in Schnee und Kälte verbrachten ohne Ofen und Haus! Doch unser Schritt war kraftvoll und leicht als wir den Biegungen des Bystrajaflusses folgten, die Ochotnikis uns über den hohen Schnee hinweg trugen.
Wir überquerten zu Eis erstarrte Flüsse, fuhren durch den Schnee umgedrückte Kedratschwäldchen, stapften durch Lächenwälder, weite Tundraflächen durchquerten steile Geröllfelder und Hänge, mal Nahe am Strom, mal weit vom Strom. So vergingen wohl Stunde um Stunde, bis die Dämmerung über uns herein zu brechen drohte, als Micha plötzlich ein Lichtlein in der Ferne sah, sich die Umrisse einer Hütte aus der Dämmerung schählte, Rauch aus einem Kamin aufstieg. Wir schnallten ab und klopften an. Ohne viele Worte waren wir hereingebeten und an den groben Tisch gesetzt, alles ganz selbstverständlich. „Ich habe euch bereits erwartet!“Eröffnete uns Ljuda, ein alter kleiner Mann mit langem grauen Fusselbart und tiefen Lachfalten um die Augen, mit freundlicher Stimme und ersichtlicher Freude über unsere verdutzten Gesichter. „Ihr seid die Beiden Nemezkis die es vor ein paar Wochen übel erwischt hat, aber euch ist`s gut ergangen, stimmts? Sie hat für euch gesorgt, stimmts?“ Wir nicken nur sprachlos, was Ljuda nur noch mehr erheitert. Woher weist du das und wer ist Sie? Wollte ich nun wissen mit meinen paar Brocken russisch und einer Unschuldsmiene wissen, da ich mir nicht sicher war was er meinte. „Na, grüne Mutter natürlich! Kommt schon ihr habt`s doch auch bemerkt, ich habe euch beobachtet, tut nicht so! Sie hat euch beschenkt, über euch gewacht, euch umsorgt! Und ihr wart dankbar, wolltet doch erst gar nicht fortgehen, habt diskutiert, lang lange Zeit und dann seid ihr gekommen...hierher zu mir, zum alten Ljuda!“
Micha war irritiert, aber findet ein paar Worte. Aber wie...wie konntest du wissen? Wie... du hast uns die ganze Zeit beobachtet? Ich dachte wir waren allein? Jaja, dachtet ihr also hihi feigst der alte Ljuda. ...Wart ihr auch wart ihr auch...zeitweilig, allein und doch nicht einsam, stimmts? Ich verstand kein Wort mehr, alles drehte sich in meinem Kopf...und doch wusste ein Teil von mir ganz genau was Ljuda meinte, das er recht hatte! Ja, es war mir auch so vorgekommen als ob sich jemand die ganze Zeit um uns kümmerte. Doch wir waren ja ganz allein da draußen...da war niemand außer uns und doch hatten wir Beide die ganze Zeit das Gefühl gehabt behütet zu sein, wir hatten uns ja sogar richtig wohl gefühlt. Micha fand jetzt auch endlich wieder aus seinen Gedanken und fragte. Du Ljuda, was meinst du damit du hast uns die ganze Zeit beobachtet, wir waren doch allein dort im Tal mit all den Tieren, Bäumen, dem Wasser und dem Schnee?
Ja, wart ihr und doch wart ihr`s eben nicht, Söhnchen! Sagte Ljuda mit vielsagender Miene. Hast du denn die Raben gar nicht bemerkt, Michael? Äh doch...entfuhr es Micha verdutzt, das der Alte offensichtlich seinen Namen kannte. Siehst du, meinte Ljuda schelmisch grinsend. Ja, wir haben den Raben ein paar mal etwas von unseren Essensresten hingelegt, fiel es mir ein.
Und es hat ihnen anscheinend sehr gut geschmeckt euer Eichhörnchen und der Schneehase...erwiderte der Alte, legte den Kopf schräg zur Seite und wirkte so als habe er den Geschmack von etwas völlig erlesenem auf der Zunge. Da fielen mir plötzlich die fast schwarzen Augen Ljudas auf und ich blickte zu Micha, der wohl laut seinen skeptischem Blick auch grade diese Entdeckung gemacht haben musste. Doch vielleicht täuschte ich mich auch einfach. Wir versuchten noch mehrmals genaueres von Ljuda zu erfahren, was er denn nun meinte, doch aus dem alten Kauz war nichts, wirklich rein gar nichts klares herauszubekommen. Von der wohligen Wärme, dem vielen heißen Tee wurden mir meine Augen langsam schwer, so als ob ich Tagelang nicht geschlafen hätte und allmählich sank mein Kopf auf den Tisch. Ich muss wohl eingeschlafen sein! Doch als ich erwachte war ich nicht etwa in Ljudas alter Hütte sondern lag mit Micha an meiner Seite auf Kedratschzeigen gebettet und zugedeckt unter einer große alten Lärche, der Morgen dämmerte bereits und es war kalt. Über uns auf einem Ast krächzte ein Rabe und hüpfte aufgeregt auf und ab, bis auch Micha endlich erwacht war, dann flatterte er uns ca. zwei Meter vor die Füße, legte den Kopf schief und sah jeden von uns noch mal prüfend an, so als ob er sich vergewissern wollte ob es uns gut gehe und flog unter lautem Krächzen davon.
Verwirrt von unser Lage rappelte ich mich auf klaubte etwas Reisig zusammen, sammelte ein paar trockene Äste und entzündete ein Feuer. Schweigend saßen wir noch lange da bis die Sonne hoch am Himmel stand. Wir aßen noch etwas von unserem Trockenfisch und machten uns dann auf den Weg den mein Kompass und der Lauf des Tales uns wies. Nach etwa vier Stunden auf den Ochotnikis hörten wir schon aus der Ferne her das erste Hundegebell, wir hatten es also tatsächlich geschafft, wir kamen der vermeidlichen Zivilisation immer näher. Bald Tauchten die ersten Schlittenspuren auf und bald Wege, erste Bauten, dann kam die Siedlung in Sicht. Esso, da war es also wieder. Im Außen sah noch alles sah noch gleich aus und doch in unserm Inneren hatte sich wohl alles verändert!

Ab diesen Tagen sahen wir anders auf die Welt, wir sahen überall die grüne Mutter!


30. November - 06.Dezember, ...Ausgesetzt!








...Ausgesetzt!

Am frühen Nachmittag des 30.November im Jahre 19 49, wurden wir, die Genossen Benjamin Detlefowitsch und Michael Klausowitsch vom Genossen Direktor auf dem süd- westlichen Vorposten der Zivilisation , am Dimschikanski Kardon abgesetzt. Es wollte einfach nicht richtig hell werden am diesem grauen Freitag Nachmittag und mit Mühe und Not hatte sich das alte Kettenfahrzeug Nr.5 trotz des starken Schneesturmes durch die eisigen Schneemassen und Eisplatten Flüsse gewühlt, bis es schlussendlich nach einer steilen Passage den Berg wieder hinab rasselte und vor einer kleinen Ansammlung von Hütten zum Stehen kam. Dunkel und abweisend lag das alte Dimschikanski Kardon in der Talsohle des Bystajatals, direkt unterhalb des kleinen Plateaus auf dem sich das Kardon befand hatte sich der Bystrajafluss sein Bett tief in das Fleisch des Tales gegraben. Dank seiner Schnelligkeit war der Fluß trotz der hohen Minustemperaturen der letzten Wochen immer noch nicht vollständig zugefroren, weshalb ein stetiges Rauschen und Rumpeln zu hören ward. Hier würden unsere wir nun unseren Dienst für den Frieden leisten und die Wildnis, äh die Zivilisation gegen imperialistische Wilderer und ähnliche kapitalistische Strauchdiebe aus dem Westen zu verteidigen, die trotz der zahlreichen wohlwollenden Agitationsversuche des örtlichen Parteiorgane nicht bereit waren anzuerkennen das jetzt auch das wilde Bergland des Bystrinsky Rajons endlich Volkseigentum geworden war. Immer wurde von kleineren Zwischenfällen berichtet aus der Richtung des Ischinsky Berges wo kleinere Grüppchen auf dem Volkseigen Land der kleinen Kolchosen von Esso wilderten und marodierten. Man hatte uns schon vor Beginn ihres Einsatzes auf besonders harte Bedingungen in dieser Region, im Bergland Mittelkamtschatkas hingewiesen und vor den oft stark alkoholisierten und besonders brutalen Marodeuren gewarnt. „Mit Denen und mit dem Wetter sei nicht hier zu spaßen“, hieß es oft!
Ja, ein etwas komisches Gefühl war es schon als das Kettenfahrzeug davon rasselte und wieder Stille in die weite verschneite Landschaft einkehrte. Nun wurde Holz gehackt, in die Hütte geschafft und sich auf die erste kalte Nacht vorbereitet, die wohl nicht sehr lang werden würde.
Das Tosen des Windes und das Säuseln des Bystrajaflusses ließ uns in einen unruhigen Halbschlaf sinken. In der Zweiten Nachthälfte schreckten wir hoch, Pferdegetrappel war zu hören und laute rufe die immer näher zu unserer Hütte kamen. Und war da nicht noch in weiter Ferne ein Schuss? Jetzt waren wir wach und höchst alarmiert, innerhalb von 5 Minuten waren wir angezogen und auf den noch müden Beinen. Ein neuer Schuss platzte diesmal dicht neben der Tür ins Holz der alten Hütte und eine barsche Männerstimme in einem russischem Dialekt forderte uns auf mit erhobenen Händen herauszukommen. Wir konnten nun hören das es etwa fünf bis sechs Männer auf Pferden sein mussten die hier mitten in der Nacht versuchten uns aus unsere Hütte zu treiben. Uns blieb nur wenig Zeit zum Handeln denn die barsche Stimme von draußen wurde hörbar ungeduldig und befahl einen seiner Männer die verdammte Tür aufzubrechen. Ich blickte zu Michael und der Entschluss war klar, klarer in seinen Augen ablesbar als jede Antwort, wir würden uns nicht gefangen nehmen lassen sondern unser heil in der Flucht suchen. Leise öffneten wir das Hinterfenster in der Küche und warfen unsere sieben Sachen und ein Paar Vorräte die wir noch greifen konnten aus dem Fenster, dann sprangen wir Einer nach dem Anderen hinterher. Just in dem Augenblick wo wir unsere Ochotnikis gegriffen und uns hinter die nächste Schneewehe geworfen hatten die die Seite des Holzstapels zu Haus verdeckte, splitterte drinnen unverkennbar das morsche Holz die Eingangstür und irgendwelche Befehle wurden draußen wild durch die Gegend gebrüllt. Nichts wie weg, nur möglichst weit weg von diesem unseligen Ort und diesen Halunken die mit Garantie nicht Chai mit uns trinken wollten. Wir kämpften uns bis zur Erschöpfung durch den knietiefen bis hüfthohen Schnee, in eine Richtung in der wir Osten vermuteten doch durch die Dunkelheit und das dichte Schneetreiben war es eher eine Ahnung denn eine bewusste Entscheidung in die unsere Flucht uns führte. Erst als es zu leicht Dämmern begann konnten wir unsere Ochotnikiskier anschnallen und waren waren darauf bald irgendwo in die Nähe des Flusses gelangt und buddelten uns eine kleine Höhle in eine Schneewehe die uns hoch genug erschien um uns vor der Kälte zu schützen und uns vor neugierigen Blicken zu verbergen, wenigstens für ein paar Stunden. Wir krochen hinein und schliefen fast augenblicklich ein. Als wir nach ein paar Stunden erwachten hatte es aufgehört zu schneien und die Sonne stand schon hoch an einem erstaunlich blauen Himmel der das Geschehen der letzten Stunden unrealistisch und surreal erschienen ließ, nur unsere knurrenden Mägen und unseren wenigen Habseligkeiten die wir vor unserer Flucht zusammenraffen konnten erinnerten uns das unsere Erinnerungen kein böser Traum waren, sondern bittere Realität.
Unter den paar Dingen die ich gestern Nacht überstürzt hatte zusammenklauben können war unter anderem ein alter Kompass den man immer erst mit leichtem Klopfen zur Zusammenarbeit bewegen musste, mein geliebtes Holzklappmesser und wenig Proviant. Ersteren holte ich nun hervor klopfte ihm gutmütig auf das zerkratzte Abdeckglas und wartete. Nach ein paar Minuten pendelte die Nadel sich gen Nord-Osten ein, wo sich auch ein kleines Tal erstreckte durch welches sich die Bystraja schlängeln musste und durch das wir über lang oder kurz wieder in die kleine Siedlung Esso gelangen würden. Zurück in die Wärme und Sicherheit der Zivilisation! Doch vorerst waren wir hier und es war kalt und uns knurrte der Magen, zudem konnten wir hier nicht bleiben denn niemand von uns wusste ob die Spießgesellen von gestern Nacht nicht letztlich nach uns suchen würden und wer weiß was uns dann noch alles blühten würde. Glücklicherweise hatte der gnädige Schneesturm von gestern Nacht unser Spuren verweht, uns unter seinem weißen Umhang aus Schneegestöber schlüpfen lassen und uns in eine vielversprechende Richtung davon getragen. Also marschierten wir los, immer weiter stapften wir auf unseren breiten Skiern in die Weite des verschneiten Tals hinein durch das munter die Bystraja sprudelte, ohne unsere guten Ochotnikis wären wir sicher bis zur Hüte im Schnee versunken und bei Weitem nicht so schnell voran gekommen. Am Nachmittag machte das Tal plötzlich einen Knick und zeigte an den Seiten eine kleinen Bauch in dem ein kleines Wäldchen wuchs. Hier würde es sich gut aushalten lassen für ein paar Tage, denn die Einbuchtungen boten Schutz vor Blicken, die Lärchenbäume und der Kedratsch boten Holz für Feuer und laut den Spuren gab es hier auch einige Tierchen die sich mit ein wenig List und Ausdauer würden fangen lassen. Und da die Bystaja durch das Tal sprudelte gab es folglich auch Wasser. Gut, somit machten wir uns sofort daran einen Schneehaufen aufzuschichten der groß genug war um ein passables Quinci für uns Beide entstehen zu lassen. Nach drei Stunden Schnee schaufeln und alles schön festklopfen, zwei Stunden Wartezeit bis die Schneekristalle sich miteinander verbunden hatten und alles ausgehärtet schien buddelten wir schlussendlich eine Höhle in den Schneehaufen. Bis zum Einbruch der Dämmerung hatten wir dann eine komfortable Höhle gegraben die genügend Platz für ca. drei Personen bot und ein Luftloch besaß, das wir des Nachts etwas frische Luft bekommen, es jedoch nicht auskühlen würde. In normalen Frostnächten bis – 20C° sank die Temperatur meist nicht unter 0C° bis -1 C, also bei entsprechendem Wind und Wetter eine schöne warme Unterkunft!
Somit waren wir erst einmal versorgt, ein paar kleine Fallen gestellt, Holz gesammelt und ein Feuer gemacht, ein Kanten Brot, ein wenig Speck und die Welt war schon nicht mehr so arg! Ja, es fühlte sich jetzt sogar nach richtigem Abenteuer an...Eines das wir wohl so schnell nicht vergessen würden...